Mehr Teilhabe durch Induktive Höranlagen

Auszug aus  Handeln und Helfen

Hören und verstehen in Veranstaltungsräumen

Von Elvira Martin
Sabine Hanser nimmt gerne und rege am Tübinger Kulturleben teil. Lange Zeit war ihr dies sehr eingeschränkt möglich
. Sabine Hanser ist hochgradig schwerhörig. Sie ist mit modernsten Hörgeräten versorgt. Eine Teilnahme an Lesungen, Vorträgen, Theateraufführungen und anderen Veranstaltungen war für sie dennoch kein Genuss.

„Ich habe alles gehört, aber nichts verstanden!Was steckt dahinter?

Jede 5. Person schwerhörig

Statistisch gesehen ist jede 5. Person schwerhörig, von leicht über mittel und hochgradig schwerhörig bis an Taubheit grenzend. Auf die Einwohnerzahl Tübingens bezogen sind das allein über 17.000 Personen.

Bereits bei leichter bis mitteigradiger Schwerhörigkeit geht die Fähigkeit, bei Umgebungs- und Störgeräuschen wichtige Signale wie die Sprache zu verstehen, häufig verloren. Man hört zwar, aber versteht nicht.
Auch die modernste Hörgerä
te-Technologie schafft es in der Regel nicht, diesen Effekt zu beheben. Bei Veranstaltungen mit vielen Menschen und Nebengeräuschen – sei es Theater, Kino, Lesungen, Vorträge – werden von den Betroffenen trotz erhöhter Konzentration nur Bruchstücke verstanden.

Teilhabe wird sinnlos bis unmöglich. Mikrofone sind keine Hilfe, im Gegenteil, sie verzerren die Sprache und erzeugen Nachhall. Deshalb ziehen sich viele Schwerhörige nicht nur aus dem sozialen Umfeld, sondern auch vom kulturellen Leben zurück. Depressionen oder psychosomatische Erkrankungen sind nicht selten die Folge.
Die Ausstattung von Veranstaltungsräumen mit Induktiven Höranlagen bringt hier ganz entscheidende Verbesserungen.

Induktive Höranlagen ermöglichen die barrierefreieste Teilhabe schwerhöriger Menschen mit wartungsarmer Technik

Außer den Hörgeräten, die die Betroffenen dabeihaben, ist keine weitere Zusatztechnik notwendig.
Die Induktive Höranlage besteht, um es vereinfacht auszudrücken, aus einer Ringschleife, einem dünnen Draht, der in aller Regel raumumfassend im Fußboden oder an der Wand angebracht wird. Ein spezieller Induktions-Stromverstärker verstärkt das Mikrofonsignal und speist es in die Ringschleife ein. Dadurch baut sich im Inneren dieser Schleife ein Magnetfeld auf und in der Telefonspule des Hörgerätes wird eine Spannung induziert“.

Auf jedem Platz innerhalb der verlegten Ringschleife hört, vielmehr versteht man über die T- oder MT-Einstellung das ins Mikrofon gesprochene Wort klar und deutlich über das Hörgerät oder das Cochlear-Implantat. Die Anlagen sind wartungsarm und vergleichsweise kostengünstig. Die Investitionen liegen eher im unteren viersteiligen Bereich, bei schwierigen Rahmenbedingungen wie Stahlbeton oder bei viel Metall auch mal im fünfstelligen Bereich.

Induktive Höranlagen sind derzeit noch das einzige für alle Hörgeräte genormte Verfahren einer Tonübertragung. Alle damit konkurrierenden Verfahren wie Funk, Infrarot oder auch Streaming über WLAN sind das nicht.

Hörgeräteakustiker muss T- oder MT-Einstellung im Hörgerät aktivieren

Die einzige Bedingung zur Nutzung der Induktiven Höranlage ist, dass das Hörgerät über eine T-Spule (Induktionsspule ) verfügt. Diese muss der Akustiker freischalten und eine T-Einstellung oder eine MT-Einstellung für das Hörgerät einrichten.

Bei der T-Einstellung sind die Mikrofone des Hörgerätes ausgeschaltet, so dass ohne Nebengeräusche und ohne Hall oder Echo nur das ins Mikrofon gesprochene Wort deutlich im Hörgerät empfangen und verstanden werden kann. Bei der MT-Einstellung bleiben die Hörgerät-Mikrofone offen, so dass auch Nebensitzende verstanden werden. Allerdings werden dabei auch alle Nebengeräusche übertragen.

Flyer informiert

Ein kleiner Arbeitskreis im FORUM INKLUSION macht sich seit Jahren dafür stark, dass die Betreiber von Veranstaltungsräumen diese mit Induktiven Höranlagen ausstatten – mit Erfolg. Beispielsweise haben inzwischen zahlreiche Kirchen und Uni-Hörsäle, aber auch das Sparkassen Carre, der Saal in der Volkshochschule Tübingen, die Aula Mensa Uhlandstraße und seit Neuestem die oberen Säle im Museum eine Induktive Höranlage.

Auch der neue Veranstaltungsraum im Nonnenmaeher-Haus wurde gleich mit dieser Technik ausgestattet. Die so entstandene Liste wird seit mehreren Jahren regelmäßig aktualisiert und als Flyer in HNO-Praxen und bei Akustikern ausgelegt. Für Veranstaltungsräume, die bisher nicht über diese Technik verfügen, hält im Übrigen die Stadt Tübingen eine ausleihbare Mobile Frequenzmodulationsanlage (FM-Anlage) bereit.

Weitere Räume im Blick

Sabine Hanser nutzt inzwischen gerne Kulturangebote, die in diesen Räumen stattfinden.
Aber auf der Wunschliste von ihr und dem Arbeitskreis stehen zum Beispiel noch das Landestheater Tübingen, die Kinos, die Hermann-Hepper- Turnhalle und der Festsaal der Neuen Aula.

Interview mit Sabine Hanser

Frau Hanser, was raten Sie Menschen, die eine Versorgung mit Hörgeräten brauchen?
Die meisten Hörgeräte
, auch kleinere Geräte, verfügen über eine eingebaute T-Spule. Beim Kauf neuer Hörgeräte muss unbedingt sichergestellt werden, dass diese über die eingebaute T-Spule verfügen, denn ein Nachrüsten ist nicht möglich.

Die Induktiven Höranlagen sind eine vergleichsweise einfache Technik. Dennoch ist beim Einbau einiges zu beachten.

Absolut wichtig ist, dass die Installation einer Induktiven Höranlage durch eine erfahrene Elektroakustik-Firma erfolgt, die über die Messgeräte zur Einmessung nach DIN EN 60118-4 verfügt.

Der Einbau einer Induktiven Höranlage kostet Geld – auch wenn die Technik vergleichsweise günstig ist. Gibt es Fördermittel?

Aktuell fördert die AKTION MENSCH mit bis zu 5.000 Euro barrierefreie Maßnahmen. Dazu zählt auch der Einbau von Induktiven Höranlagen. Es sind keine Eigenmittel nötig. Förderfähig sind freie gemeinnützige Organisationen mit Sitz in der Bundesrepublik Deutschland.

Vielen Dank für das Gespräch!
Die Fragen stellte Elvira Martin

Download Flyer Induktive Höranlagen in Tübingen

Flyer „Induktive Höranlagen in Tübingen“ online zum Herunterladen:
http://www.sozialforum-tuebingen.de/index.php?menuid=35

Zum Ausleihen: Mobile Frequenzmodulations-Anlage (FM-Anlage)

Die Universitätsstadt Tübingen verleiht an private Veranstalter eine mobile drahtlose Signalübertragungsanlage. Sie ist geeignet für kleine Veranstaltungsräume (bis zu 50 Personen), in denen keine Höranlage verlegt ist.
Die FM-Anlage besteht aus einem Sender (Mikrofon) und zehn Empfängern und wird in einem Aluminiumkoffer transportiert. Die zigarettenschachtelgroßen Empfänger werden mit einem Band um den Hals gehängt.
Sie leiten die Impulse vom Mikrofon automatisch an das Hörgerät weiter. Dazu muss das Hörgerät mit einer sogenannten .Telefonspule“ (vom Akustiker aktivierte T-Spule) ausgestattet sein. Ohne Nebengeräusche können so Schwerhörige auch in einer lauten Umgebung die gesprochenen Worte verstehen.

Die Ausleihe ist kostenlos, für die Zeit der Ausleihe ist eine Kaution von 100 Euro zu hinterlegen.
Hier kann die Anlage ausgeliehen werden:

Universitätsstadt Tübingen – Fachabteilung Bürgeramt
Wilhelm Gunkel
Schmiedtorstraße 4
72070 Tübingen Telefon: 07071 /204 – 2586/ E-Mail: wilhelm.gunkel@tuebingen.de

Möglichkeiten zum Austausch für schwerhörige Menschen in der Region
Öhrli-Treff
Reutlingen – Tübingen – Steinlachtal
oehrli.de

Gesprächsgruppe Schwerhörige Rottenburg, Kontakt über SOZIALFORUM TÜBINGEN ev.
Kontaktsteile für Selbsthilfe, Barbara Herzog,
Telefon: 0 70 71 – 3 83 63
E-Mail:  herzog@sozialforum-tuebingen.de

Sie können eine Kopie des Berichts aus Handeln und Helfen  hier herunterladen